Category Archives: WHAT IS A PROJECT SPACE

Befragen, Austarieren, Ausprobieren: Interview mit NBR & Alex Head

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Neue Berliner Räume setzt sich im öffentlichen Raum sowie “White-Cube”- und privaten Räumen seit seiner Gründung 2011 konsequent mit dem vorhandenen Ort auseinander. Als bewusst nomadischer Projektraum, der aber fest in Berlin verankert ist, haben sie eine intime Beziehung zu dem Raum einer sich zunehmend gentrifiziertenden Stadt. Die kuratorische Gruppe, bestehend aus Valerie Senden, Sylvia Sadzinski und Manuel Wischnewski, zusammen mit dem Künstler Alex Head, werden gefragt:

PSF: Ihr habt Ausstellungsprojekte im Tieranatomischen Theater, in einem, kurz vor der Renovierung stehenden, Haus in der Lützowsraße, im öffentlichen Raum des Tempelhofer Felds, im Kunsthaus Dahlem und auf dem Dachboden des alten Postfuhramts Berlin organisiert. Was waren eure Beweggründe, von Anfang an eine nomadische Plattform (ohne festen Raum) zu gründen?
Sylvia Sadzinski (NBR): Berlin befindet sich in einem starken Wandel – mehr als viele andere westeuropäische Städte. Zusätzlich vereint Berlin viele verschiedene historische Epochen und Ereignisse, die sich in den Gebäuden, aber ebenso im öffentlichen Raum der Stadt widerspiegeln. Für uns sind diese Räume und ebenso der Wandel immer mit Fragen und gleichzeitig mit Möglichkeiten verbunden. Keinen festen Ort und Raum zu haben, ermöglicht es uns, unsere Projekte frei und offen zu gestalten. Uns immer wieder auf Entdeckungstour zu begeben oder sich von Räumen, die sich uns eröffnen, einnehmen und überraschen zu lassen. Gleichzeitig ermöglicht uns die Arbeit mit und in unterschiedlichen Räumen, verschiedene Menschen zu erreichen. Und selbstverständlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass zu Beginn auch ein ökonomischer Faktor ausschlaggebend war.
Manuel Wischnewski (NBR): Genau, am Anfang war das sicherlich einem bestimmten Pragmatismus geschuldet. Wir wussten beispielsweise auch immer, dass wir unseren aller ersten Ausstellungsraum nicht lange haben würden. Daher war uns klar, dass NBR nomadisch würde sein müssen. Aber mit den Jahren haben wir das Nomadische wirklich als eigenständige Kraft zu verstehen gelernt. Man geht anders durch die Stadt. Man muss einen viel wacheren Blick für Räume und deren Geschichten entwickeln. Es geht ja nicht nur darum, immer wieder neue Kulissen für austauschbare Projekte zu finden. Wir wollen ganz konkret aus den Orten unserer Stadt heraus Erzählungen schöpfen und diese dann in Projekten festhalten. Also ein Archiv schaffen.

NBR-A dredging device made of found objects from Der Köpi Brache, Berlin, Alex Head, 2012_lowresAlex Head, A dredging device made of found objects from Der Köpi Brache, Berlin, 2012
Foto: Alex Head

PSF: Für das Project Space Festival im letzten Jahr hattet ihr die Publikation Vom Ende des Projektraums präsentiert, in der ihr für eine größere Anerkennung der Rolle des Projektraums als unabhängigen “dritten Raum” plädiert. Dieser Raum, argumentiert ihr im Text, sollte fähig sein, “nein” sagen zu können. Was war der Anlass für die Veröffentlichung dieses Textes?
Manuel Wischnewski (NBR): Es gab ein paar unterschiedliche Gründe. In dem Jahr hatte der Berliner Senat einen der Projektraumpreise an eine Einrichtung verliehen die – zumindest in Teilen – als kommerzielle Galerie agierte. Und ich empfand das als ziemlich absurde Situation. (Über die auch viele so sprachen – aber immer nur hinter vorgehaltener Hand.) Dann fing ich an mich näher mit den jüngeren Entwicklungen in der Projektraumszene zu beschäftigen. Die für mich überraschendste Erkenntnis war dann, dass die Projekträume auf der einen Seite plötzlich unglaublich viel Erfolg hatten – was ihr Ansehen und ihre Möglichkeiten betraf, sogar ihre finanzielle Situation. Auf der einen Seite aber war immer unklarer, was einen Projektraum überhaupt ausmacht. Da fand wirklich eine Art Verwässerung der Begrifflichkeiten statt. Leute mit ganz unterschiedlichen, ja sogar sich gegenseitig ausschließenden, Ansätzen und Arbeitsweisen nahmen da die Idee des Projektraums für sich in Anspruch. Und das schadet einem Begriff letztlich. Im Falle des Projektraums ist das besonders tragisch, weil das Konzept eines nichtkommerziellen, unabhängigen Ortes eben so wichtig ist für eine gesunde und funktionierende Kulturszene. Als Barriere, als Schutzwall manchmal. Oder als sicherer Ort. Read More

KONTINUITÄTEN & BRÜCHE: Interview mit alpha nova & galerie futura

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Die Geschichte der galerie futura beschreibt eine, sich seit Mitte der 1980er Jahre entwickelnde, Entstehung ihres Futuristan. In unserem Interview berichten Katharina Koch und Dorothea Nold, wie sich Erfolg mit produktivem Scheitern verbinden lässt und welche Rolle Projekträume damit in der Öffentlichkeit einnehmen.

PSF: Futura wurde 1986 in der Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegründet. Wer waren die Gründerinnen? Was war deren Anlass?
Katharina Koch und Dorothea Nold: Die Gründerinnen des Projektes FUTURA in Zehlendorf waren Frauen – meist aus dem akademischen Umfeld – die sich aus ihrem Engagement für die Frauenfriedensbewegung her seit Jahren kannten. Die Frauenfriedensbewegung um Eva Quistorp in Berlin charakterisiert von Beginn an ihr internationales Selbstverständnis – in Berlin insbesondere ihr enges Netzwerk mit Frauen aus der DDR-Widerstandsbewegung um Bärbel Bohley. Der Reaktorunfall in Tschernobyl bot durch sein existentielles Bedrohungsszenario den endgültigen Anstoß, einen eigenen Ort der Begegnung und Vernetzung von und für Frauen zu gründen.

Plantation Memories, Performance von Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, 2016, Foto: alpha nova & galerie futuraNathalie Anguezomo Mba Bikoro, Plantation Memories, Performance, 2016
Foto: alpha nova

PSF: Lag der Schwerpunkt vom Anfang an auf Kunst und Kultur? Welche Aktionen, Veranstaltungen oder Konstellationen gab es in den späten 1980er Jahren?
KK & DN: Der erste Ort am Mexikoplatz warb mit dem Namen FUTURA Frauen Culture Cafe und legte seit Beginn den konzeptionellen Schwerpunkt auf Kunst und Kultur. Es war die Zeit der Frauensommeruniversitäten, an denen mit Leidenschaft weibliche Geschichte in allen kulturellen Bereichen aufgearbeitet wurde und in der z.B.1986 in der Frankfurter Oper das große Opernfest “Mit Mut und Phantasie – Frauen suchen ihre verlorene Geschichte” mit hunderten Frauen in historischen Kostümen gefeiert wurde. Read More

LOW VISIBILITY & HIGH PRESENCE: Interview with Selda Asal

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Apartman Projesi or Apartment Project is a street-level space in the heart of Neukölln. It was also the first project space to open in Istanbul, initiated by Selda Asal in 1999. WHO KNOWS WHERE WE ARE is the name of its most recent collaborative project, in which artists Borga Kantürk, Evrim Kavcar, Gökce Süvari, Gümüs Özdes, Merve Ünsal and Sevgi Ortac lived together with Selda Asal for one turbulent month. Selda Asal explains the background of Apartman Projesi and the process of the current project, titled Mist: low visibility and high presence, which will continue in two further phases of communal living in November 2016 and May 2017.

photo-c-berk-asal1-1-1024x439Merve Ünsal, Short, unpolished, and hard-to-classify lecture-performance (2016). The lecture-performance is a part of a series of talks Merve does at exhibitions or sites of collaborationsin which she tries to reconsider her position as an image-maker in the ever-changing world of representation and presentation.
Photo: Berk Asal

PSF: How would you define a project space?
SA: A project space must be a platform that provides artists with a location where they can spend time, do research, experiment, and produce—especially collaborative projects.
Project spaces also need to be able to relate to the passers-by, appealing to people from different backgrounds and professions. Project spaces need to be able to interact with the public. It is possible to do exchange projects with other collectives, working on different production models. Project spaces need to take on things that other art institutions do not.
So this is how we function. The space is street level and we have four large windows. We are able to project films onto the windows, forcing the passers-by to somehow interact with the works. A lot of people from the neighborhood are quite hesitant to enter the space.
Apartman Projesi Berlin is different from Apartman Projesi Istanbul – the projects here are based more on communal living and producing together. It is important not to have an annual program and not to be fully institutionalized. Apartman Projesi does not have a weekly screening or openings on a certain day of the month.
The most defining aspects of Apartman Projesi are a process based on communal living and the fact that most of the projects question and analyze the nature of “today.”

PSF: Apartment Project started out in Istanbul. What was the reason for starting the space?
SA: In order to talk about why Apartman Projesi was initiated, it is important to know about the Istanbul of the 90s. It was a period in time when a lot of people worked with producers from different disciplines, leading to very fruitful discussions. Actors, musicians, writers, philosophers, and journalists were coming together and spending time together as a common, daily thing. Read More

ALL PERIPHERIES ARE CENTERS

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This festival opens at the calculated geographical center of all of this year’s applicants for the Project Space Festival – a place given the title The Center of Minimum Distance. This blog, which shares the same name, opens with an attempt to address the question of the peripheral.

The project space in Berlin appears to be bound up with the idea of the periphery – both symbolically and geographically. As a simple illustration of this, in her study Die Berliner Projekträume: ein Standort, French art sociologist Séverine Marguin has mapped the locations of Berlin’s independent art spaces from 1970 to the present day. Sliding the time bar across the 90s, as post-Cold War Berlin itself becomes less and less a periphery and more a center of today’s (somewhat) reunited Europe, you can see the blue pindrops on the map dramatically moving further out from the city’s center and towards its edges.

According to the urbanist AbdulMaliq Simone, the periphery is always in excess of the center – and at the same time, constitutive of the center. Without the periphery, there is no center; without the center, there is no periphery. And so: “the periphery never then offers anything of substance of its own; its own status as supplement never directly contributes to a transformation of the normative.” (“At the Frontier of the Urban Periphery”, Sarai Reader, 2007, s. 462). A wasteland, for example, is an in-between-space whose ownership is uncertain, where plants grow wild, concrete crumbles, and humans might linger without necessarily being asked what they are up to. Only in the undefined space of a wasteland is such a situation possible. And yet, of course, the flipside of this lack of definition is that the wasteland becomes a temporary thing, an empty placeholder to be developed by (centralized) processes of urban land valorization. Both wastelands and project spaces are often understood to be remnants of the wild Berlin of artists, bohemians and rebels – an image that, today, also sells itself to tourists, investors and newcomers better than any marketing campaign could.

The project space is also often defined in opposition to – and therefore through the terms of – a pre-existing normative reality: “non-institutional”, “non-commercial”, and perhaps “non-hierarchical”. This “negative” mode of definition, which charts a periphery that constantly skirts the danger of being swallowed up by the center, is reflected in how recent discussions around the definition of the project space in Berlin have played out.

Yet instead of asking “what is the project space?” – because it is clear that in reality there are as many very solid answers to this question as there are project spaces themselves – maybe it makes sense to think, also, about why we are asking ourselves this question.

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