Dezentrialisiert! Selbst-organisiert! Kommerzialisiert? / Kunst on- und offline

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Gastautorin: Marlene Ronstedt

Berlin in den frühen 90er Jahren glich einer temporären autonomen Zone, mit seinen besetzten Häusern war es ein Spielplatz für Anarchisten. Dieser Zustand weist einige Parallelen zum Open Internet auf, welches zur gleichen Zeit aufkam. Die Möglichkeiten die damals der Cyber-Space den frühen Geeks und Nerds bot, schienen unendlich zu sein. Weder die Überwachungsmechanismen der NSA noch Kommerzialisierung hatten bis dato die digitale Sphäre erreicht.

Dies war das ideale Biotop in welchem zumindest in Berlin die frühe Kunst und Techno Szene gedeihen konnte. Gleichzeitig bedeutete das aber auch, dass die Stadt auch interessanter für Investoren und Makler wurde, was letztendlich zur Gentrifizierung eben dieser Plätze führte. Online traten allerdings neben Hackern und Entwicklern zuerst nur eine handvoll von Internet Künstler auf. Erst zu Beginn der frühen 00er Jahre wurden mehr Internet Kunstwerke sichtbar, dies geschah gleichzeitig mit dem Aufkommen des Web 2.0, eine Benutzer freundlichere, aber auch kommerzialisierte und zentralisierte Version des Internets. Tumblr, Flickr, WordPress und Instagram machen es einfach Internet Kunst auszustellen und bieten zudem eine Infrastruktur mit der man leicht Follower erreichen kann.

In beiden Fällen haben frühere autonome Zonen eine Veränderung erfahren, welche von Kommerzialisierung, Regulierung und im Fall des Internets von Überwachung und Zensur geprägt ist. Ein Beispiel dafür ist Instagram’s Politik die es nicht erlaubt Perioden Blut oder weibliche Brustwarzen darzustellen, im Gegenzug monetarisiert die Plattform allerdings die persönlichen Informationen ihrer Nutzer, ohne das diese vor eine Wahl gestellt werden würden. Die Verdränung der Projekt Räume in die Peripherie zeigt am Beispiel von Berlin wie sich frühere Strukturen verändert haben.

_Disobedient_still_5_smDorine van Meel, Disobedient Children, HD Video 17’00“, 2016

Das Internet hat jedoch einen Weg gefunden mit Hilfe der Blockchain zu seinen früheren Idealen, der Dezentralisierung und Autonomie, zurückzukehren. Das bedeutet auch, dass der Internet Kunst neue Möglichkeiten offen stehen, in weniger restriktiven Kontexten ausgestellt zu werden. Als Reaktion auf die Finanz Krise in 2008 tauchte, zusammen mit der Blockchaintechnologie, die Crypto-Währung Bitcoin auf. Die Blockchain erlaubt es transparente, dezentralisierte Strukturen herzustellen. Start-ups haben diese Neuigkeit aufgegriffen und Applikationen gebaut welche es erlauben Strom, Kunst, Wahlstimmen oder Autos durch einen Token auf einer Blockchain zu repräsentieren. Dadurch versuchen sie die Macht von Zentral Banken, Institutionen, Energie Firmen und sogar Staaten zu umgehen. Read More

WHATAWEEK DREI: 08. – 14.08.16

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Project Space Festival Day 15: Radical Praxes

16.08.15_PSF_nationalmuseumA Political Idiom, installation view, Radical Praxes, Project Space Festival Day 15
Photo: Joanna Kosowska

nationalmuseum is a large white space on the fourth level of an old factory. And yet it is also not a classic white cube, because the space’s aesthetic is, even if discretely, loaded with history. This is not a neutral place, and so ample space is opened for the generation of new ideas.
In the exhibition A Political Idiom, Radical Praxes fills the entire space not so much with a soberly installed objects as with a very specific intensity.
Two large works set up opposite one another frame the length of the space. On one end, a black-and-white image plasters almost the entire wall. This work, by Ella Ziegler, shows Japanese women fighting one another: a frame from the artist’s film drawing on a book form the 1950s about fighting. Deformed by its enlargement, the strong monochrome contrasts afford this image of close struggle a particular stridency. This tension is also maintained in the other exhibited works.
Filling the wall of the opposite end of the space, the video-work and manifesto of Matthew Burbidge, RP01a, consists of a series of images from art institutions, finance and institutions of power. The video formulates an appeal to break out of the lethargy in which the system cradles us. Read More

Projizierender Raum

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Gast Autor: Benjamin T. Busch

I. Zentrum und Peripherie
Zentrum und Peripherie sind räumliche Konzepte welche nach Henri Lefebvre in drei distinktive aber zusammenhängende Kategorien eingeteilt werden können: physikalischer Raum, repräsentierter Raum und repräsentativer Raum (1). Im Anbetracht der Peripherie, oder dem Rand, als ein konstituierender Teil des Zentrums, ohne den das Zentrum nicht existieren könnte, wird dieser Text Lefebvre’s „Räumliche Triade“ im Bezug auf den Projektraum untersuchen.

Erstens, physikalische Räume, oder auch räumliche Praxis machen die materiellen Konditionen der Gesellschaft sichtbar. Räumliche Praxis ist Raum der wahrgenommen wird, der konstanter Interpretation und Transformation durch die Gesellschaft unterliegt. Zweitens, Repräsentationen des Raums sind formalisierte Konzeptionen, also Vorstellungen des Raums. Organisiert von Wissenschaftlern, Planern, Urbanisten, und (sozialen) Ingenieuren, tendieren diese Räume dazu, Systeme sprachlicher Zeichen zu sein. Drittens und zuletzt, repräsentativer Raum ist Raum der direkt durch komplexe Symbole gelebt wird: der dominierte Raum, „welcher die Vorstellung versucht zu verändern und sich Dinge anzueignen versucht. Der repräsentative Raum überlagert physikalischen Raum, indem er symbolischen Nutzen macht aus dessen Objekten“ (2). Dies ist ein Raum der Meinungsverschiedenheiten, welcher Hegemonien in Frage stellt.

Als ein Teil vom physikalischen Raum, zählt der Projektraum natürlich zum Feld der räumlichen Praxis: Er wird dort von Menschen belebt, wo Peripherie und Zentrum aufeinander treffen. Nun, wie können wir Repräsentationen des Raums (zum Beispiel urbane Gesetzgebung oder Bebauungspläne) und repräsentative Räume (der Raum wo Ideale und soziale Bewegungen geformt werden) in Relation zum Projektraum verstehen?

II. Ausgrenzungen
Das was man im Volksmund Gentrifizierung nennt, ein Prozess welcher eng mit Repräsentationen von Raum verbunden ist, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wie Saskia Sassen in Ausgrenzungen erkennt, ist es die extreme Komplexität der globalen Ökonomie dazu tendiert, elementare Brutalitäten zu kreieren. Sassen positioniert den Begriff der Verdrängung als ein analytisches Mittel, welches uns „jenseits der bekannten Idee der wachsenden Ungleichheit als ein Weg der Darstellung der Pathologien des heutigen globalen Kapitalismus“ (3) dient.

Home Coming ParadeNile Koetting, Sofia Stevi (Fokidos), Mieko Suzuki, Yukihiro Taguchi and TOKONOMA bond over a sense of home: Who or what constitutes this place, if it even is one? What do we do when what we secretly hoped to have seems to be lost – nowhere to be found? If it doesn’t make sense anymore to imagine such spaces, because the coloring book is full, yet the forms are empty or broken – why go home at all? Is this very absence what covertly keeps everything together?“Who’s gonna take us home, tonight?You know you can't go onThinking nothing's wrongWho's gonna drive you home tonight?”Nile Koetting, Sofia Stevi (Fokidos), Mieko Suzuki, Yukihiro Taguchi & TOKONOMA, Home Coming Parade, 2016
Photo: Joanna Kosowska

Wenn wir Gentrifizierung nur innerhalb der räumlichen Praxis verorten, tendieren wir dazu zu glauben, dass Künstler und andere “Kreative” die ersten Täter sind, die dazu führen, dass Mieten steigen und die Homogenisierung in urbanen Zentren stattfindet. Aber wenn wir einen näheren Blick auf die globale Wirtschaft werfen, zu der Immobilien eine Verbindung haben, finden wir heraus, dass die Vertreibung aus dem Zentrum in die Peripherie einen ganz anderen Grund hat. Read More

RECOUP // Reflections accumulating before a performance (DE)

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Gastautorin: Bryndís Björnsdóttir

Was ist wenn ich dir, meiner (vorerst) mutmaßlichen Leserin, sage, dass es hoch im Norden eine Insel gibt auf der man momentan dafür kämpft, dass du dir barbusig warmes geothermales Wasser übergießen darfst, um dich dann anschließend inmitten eines öffentlichen Schwimmbades Lufttrocknen zu lassen, ganz genauso wie jemand mit schlaffen Männerbrüsten eben auch?

Ich könnte dich austricksen und dich glauben machen, dass ich hier eine universelle Forderung mache, wenn nicht mein Familienname das Land in dem ich geboren wurde verraten würde (dass bedeutet soviel wie dass du mich „Frau-die Tocher-ihres-Vaters“ nennen darfst), weswegen es sich hier doch eher um eine Provokation mit einem Hauch von Zynismus, so typisch für den kalten und dunklen Norden, handelt. Allerdings – wie mit so vielen ironischen Äußerungen – liegt auch hinter dieser ein Gefühl der Dringlichkeit: die Sehnsucht danach, dass Feminismus endlich einen strategischen Weg zu realen Veränderungen findet.

Die jüngste feministische Erscheinung in Island ist die „Free the Nipple“-Bewegung, welche nun jährlich festiv zur Schau getragen wird – dieses Jahr in einem örtlichen öffentlichen Schwimmbad. Jedoch findet die „Free the Nipple“-Bewegung ihren Ursprung in Islands großem Bruder – den USA. Isländische Feministinnen schwimmen im Fahrwasser der „Free the Nipple“-Bewegung im Glauben, dass die Gesellschaft der Pornographie erlegen ist. Weder auf Facebook, noch im Schwimmbad haben Frauen ein Recht darauf, selbst zu bestimmen, wann ihre Körper sexualisiert werden und wann nicht. Die „Free the Nipple“-Bewegung stellt Kapitalismus in ein schlechtes Licht – während sie online T-Shirts mit lebensgroßen weißen Brüsten mit schwarzen Xen zensierten Nippeln darauf verkauft.

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Image source: http://freethenipple.com/

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Befragen, Austarieren, Ausprobieren: Interview mit NBR und Alex Head

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Neue Berliner Räume setzt sich im öffentlichen Raum sowie „White-Cube“- und privaten Räumen seit seiner Gründung 2011 konsequent mit dem vorhandenen Ort auseinander. Als bewusst nomadischer Projektraum, der aber fest in Berlin verankert ist, haben sie eine intime Beziehung zu dem Raum einer sich zunehmend gentrifizierenden Stadt. Die kuratorische Gruppe, bestehend aus Valerie Senden, Sylvia Sadzinski und Manuel Wischnewski, zusammen mit dem Künstler Alex Head, werden gefragt:

PSF: Ihr habt Ausstellungsprojekte im Tieranatomischen Theater, in einem, kurz vor der Renovierung stehenden Haus in der Lützowstraße, im öffentlichen Raum des Tempelhofer Felds, im Kunsthaus Dahlem und auf dem DAchboden des alten Postfuhramts Berlin organisiert. Was waren eure Beweggründe, von Anfang an eine nomadische Plattform (ohne festen Raum) zu gründen?
Sylvia Sadzinski (NBR): Berlin befindet sich in einem starken Wandel – mehr als viele andere westeuropäische Städte. Zusätzlich vereint Berlin viele verschiedene historische Epochen und Ereignisse, die sich in den Gebäuden, aber ebenso im öffentlichen Raum der Stadt widerspiegeln. Für uns sind diese Räume und ebenso der Wandel immer mit Fragen und gleichzeitig mit Möglichkeiten verbunden. Keinen festen Ort und Raum zu haben, ermöglicht es uns, unsere Projekte frei und offen zu gestalten. Uns immer wieder auf Entdeckungstour zu begeben oder sich von Räumen, die sich uns eröffnen, einnehmen und überraschen zu lassen. Gleichzeitig ermöglicht uns die Arbeit mit und in unterschiedlichen Räumen, verschiedene Menschen zu erreichen. Und selbstverständlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass zu Beginn auch ein ökonomischer Faktor ausschlaggebend war.
Manuel Wischnewski (NBR): Genau, am Anfang war das sicherlich einem bestimmten Pragmatismus geschuldet. Wir wussten beispielsweise auch immer, dass wir unseren aller ersten Ausstellungsraum nicht lange haben würden. Daher war uns klar, dass NBR nomadisch würde sein müssen. Aber mit den Jahren haben wir das Nomadische wirklich als eigenständige Kraft zu verstehen gelernt. Man geht anders durch die Stadt. Man muss einen viel wacheren Blick für Räume und deren Geschichten entwickeln. Es geht ja nicht nur darum, immer wieder neue Kulissen für austauschbare Projekte zu finden. Wir wollen ganz konkret aus den Orten unserer Stadt heraus Erzählungen schöpfen und diese dann in Projekten festhalten. Also ein Archiv schaffen.

NBR-A dredging device made of found objects from Der Köpi Brache, Berlin, Alex Head, 2012_lowresAlex Head, A dredging device made of found objects from Der Köpi Brache, Berlin, 2012
Foto: Alex Head

PSF: Für das Project Space Festival im letzten Jahr hattet ihr die Publikation Vom Ende des Projektraums präsentiert, in der ihr für eine größere Anerkennung der Rolle des Projektraums als unabhängigem „dritten Raum“ plädiert. Dieser Raum, argumentiert ihr im Text, sollte fähig sein, „nein“ sagen zu können. Was war der Anlass für die Veröffentlichung dieses Textes?
Manuel Wischnewski (NBR): Es gab ein paar unterschiedliche Gründe. In dem Jahr hatte der Berliner Senat einen der Projektraumpreise an eine Einrichtung verliehen die – zumindest in Teilen – als kommerzielle Galerie agierte. Und ich empfand das als ziemlich absurde Situation. (Über die auch viele so sprachen – aber immer nur hinter vorgehaltener Hand.) Dann fing ich an mich näher mit den jüngeren Entwicklungen in der Projektraumszene zu beschäftigen. Die für mich überraschendste Erkenntnis war dann, dass die Projekträume auf der einen Seite plötzlich unglaublich viel Erfolg hatten – was ihr Ansehen und ihre Möglichkeiten betraf, sogar ihre finanzielle Situation. Auf der einen Seite aber war immer unklarer, was einen Projektraum überhaupt ausmacht. Da fand wirklich eine Art Verwässerung der Begrifflichkeiten statt. Leute mit ganz unterschiedlichen, ja sogar sich gegenseitig ausschließenden, Ansätzen und Arbeitsweisen nahmen da die Idee des Projektraums für sich in Anspruch. Und das schadet einem Begriff letztlich. Im Falle des Projektraums ist das besonders tragisch, weil das Konzept eines nichtkommerziellen, unabhängigen Ortes eben so wichtig ist für eine gesunde und funktionierende Kulturszene. Als Barriere, als Schutzwall manchmal. Oder als sicherer Ort. Read More

WHATAWEEK ZWEI: 08.-14.08.16

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Project Space Festival Tag 8: mp43
Zwischen den nüchternen Plattenbauten und unkrautbewachsenen offenen Plätzen von Hellersdorf, einem Musterbeispiel ostdeutschem Wohnungsbaus der 80er Jahre in der Peripherie von Berlin, wirkt Kapitalismus oft immer noch wie ein Eindringling. Anstelle von Ladenfronten wird das Bild der schattigen Betonpromenaden dieser Gegend und der von Marzahn, ihrem Nachbar, in letzter Zeit immer öfter von gemeinschaftsorientierten Studios und Kunsträumen, wie mp43, bestimmt.
Carola Rümper und Marnie Müller, der „Zweitaktmotor“ hinter mp43, gaben ihrem Ein-Tages-Event den schlichten Titel Topflappen – und zwar aus dem einfachen Grund, dass das ein Gegenstand ist, mit dem sich jede und jeder identifizieren kann. Das PSF-Stammpublikum, die es an diesem heißen Montagnachmittag so weit raus, bis ans Ende der U5, geschafft hatten trafen dort auf ein etwas anderes Publikum – aus dem Herzen von Hellersdorf.
Abgesehen von unseren Eigenheiten hatte jeder schon einmal irgendeine Form von Zuhause und jeder kennt Nostalgie. Babel, ein partizipatorisches Projekt von Sandra Schmidt, war eine Sammlung und Installation von Geschichten rund um kleine, handgemachte Papierhäuschen, gebastelt von den Ausstellungsbesuchern – Erwachsenen, Kindern und allen dazwischen. Es war sicher eine ästhetische Entscheidung der Künstlerin, dass die Häuser ohne Boden gebaut werden sollten. Die daraus resultierende mobile-artig, hängende Ausstellung warf einen angenehmen Schatten auf die Wände des Raums. Gleichzeitig konnte ich nicht umhin, zu denken, dass es in dieser zeitgenössischen do-it-yourself Welt oft ein einsames Geschäft ist, seine eigene provisorische Infrastruktur selbst herzustellen.

Sandra Schmidt, Babel, partizipatorische Arbeit, 2016
Foto: Heiko Pfreundt

Draußen in der Sonne thematisierte ein Spiel, erdacht von Kirsten Wechslberger, für die Ausstellungsbesucher Fragen des Alters, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Gesundheit und anderer Begriffe im Zusammenhang mit Marginalität durch diese Begriffe. Meine Partizipation war beschränkt auf eine lebhafte Unterhaltung über Tattoos und ob es möglich ist, sich durch das Tragen eines T-Shirts mit dem Aufdruck einer nackten Frau in lasziver Pose, marginalisiert zu fühlen. Ich hatte den Eindruck, dass diese Frage dem Träger des T-Shirts, ein leise sprechender Mann mit Down-Syndrom, nicht besonders relevant erschien. Für einen kurzen Moment beneidete ich die weißhaarige Bewohnerin, die uns aus der Sicherheit ihres Balkons beobachtete.

Project Space Festival Tag 9: Galerie BRD
Die Stromstraße, in der wir uns am neunten Festivaltag in Moabit befinden, führt entlang eines Baustellenareals mit weinroten Bannern über den Bauzäunen, auf denen neben der Errichtung einer Shopping-Mall, „Ateliers in denkmalgeschützten Altbauten geeignet für Künstler und Kreative“ angekündigt werden. Kurz bevor sich die Stromstraße, an der nächsten, etwa 700 m entfernten, Shopping Mall zu einer Hochstraße anhebt, und in den Westhafen führt befindet sich in einem Ladengeschäft hinter Milchglasscheiben der Berliner Projektraum Å+. Hier zu Gast zeigte die vom Project Space Festival nach Berlin eingeladene Galerie BRD eine Kooperation zwischen zwei Parteien, die verhandeln, ob und wie sie einander nützen können: Cosmin Covaciu und Jasmina Ferouca, beide in einer Leipziger Sinti und Roma Gemeinde verwurzelt sowie Uwe Greiner, der gemeinsam mit Covaciu einen Schrotthandel betreibt und ihn zu Ämtern begleitet. Als Gegenleistung bekam Greiner eine Art Empfehlungsschreiben, von Ferouca formuliert, das ihm einen Zugang zur Roma Community verschafft. In dieser Ausstellung wurde alles nach Kosten – Nutzen abgewogen, auch die Schrotteile, die durch Covaciu und Greiner in der Ausstellung sorgsam nach verschiedenen Metallen sortiert und arrangiert wurden. Die beigelegten Kilogramm-Preise des Metallschrotts verweisen auf dessen Zweck, der ganz klar kein künstlerischer ist. Er ist hier zwischengelagert, bis er abgeholt und weiterverkauft wird. Covacju und Greiner selbst sind nicht anwesend. Das hätte sich rein rechnerisch nicht gelohnt.

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Galerie BRD with Cosmin Covacju, Jasmina Ferouca & Uwe Greiner, Zwei verhandeln, ob und wie sie einander nützen können, Installationsansicht, 2016
Foto: Why Alix

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KONTINUITÄTEN & BRÜCHE: Interview mit alpha nova und galerie futura

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Die Geschichte der galerie futura beschreibt eine, sich seit Mitte der 1980er Jahre entwickelnde, Entstehung ihres Futuristan. In unserem Interview berichten Katharina Koch und Dorothea Nold, wie sich Erfolg mit produktivem Scheitern verbinden lässt und welche Rolle Projekträume damit in der Öffentlichkeit einnehmen.

PSF: Futura wurde 1986 in der Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegründet. Wer waren die Gründerinnen? Was war deren Anlass?
Katharina Koch und Dorothea Nold: Die Gründerinnen des Projektes FUTURA in Zehlendorf waren Frauen – meist aus dem akademischen Umfeld – die sich aus ihrem Engagement für die Frauenfriedensbewegung her seit Jahren kannten. Die Frauenfriedensbewegung um Eva Quistorp in Berlin charakterisiert von Beginn an ihr internationales Selbstverständnis – in Berlin insbesondere ihr enges Netzwerk mit Frauen aus der DDR-Widerstandsbewegung um Bärbel Bohley. Der Reaktorunfall in Tschernobyl bot durch sein existentielles Bedrohungsszenario den endgültigen Anstoß, einen eigenen Ort der Begegnung und Vernetzung von und für Frauen zu gründen.

Plantation Memories, Performance von Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, 2016, Foto: alpha nova & galerie futuraNathalie Anguezomo Mba Bikoro, Plantation Memories, Performance, 2016
Foto: alpha nova

PSF: Lag der Schwerpunkt vom Anfang an auf Kunst und Kultur? Welche Aktionen, Veranstaltungen oder Konstellationen gab es in den späten 1980er Jahren?
KK & DN: Der erste Ort am Mexikoplatz warb mit dem Namen FUTURA Frauen Culture Cafe und legte seit Beginn den konzeptionellen Schwerpunkt auf Kunst und Kultur. Es war die Zeit der Frauensommeruniversitäten, an denen mit Leidenschaft weibliche Geschichte in allen kulturellen Bereichen aufgearbeitet wurde und in der z.B.1986 in der Frankfurter Oper das große Opernfest „Mit Mut und Phantasie – Frauen suchen ihre verlorene Geschichte“ mit hunderten Frauen in historischen Kostümen gefeiert wurde. Read More

WHATAWEEK EINS: 1. – 7.8.2016

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Project Space Festival Tag 1: Apartment Project
Wie man als Gruppe von Künstler*Innen das Leiden eines zunehmend „vernebelten“ politischen Zeitalters kanalisiert, zeigen sieben türkische Künstler*Innen (Borga Kantürk, Evrim Kavcar, Gökce Süvari, Gümüs Özdes, Merve Ünsal, Sevgi Ortac und die Apartment Project-Organisatorin Selda Asal), die Brüchstücke ihrer gemeinsamen künstlerischen Praxis – nach einem Monat dichtem Zusammenlebens – in der Ausstellung WHO KNOWS WHERE WE ARE bei Apartment Project präsentieren. Während der Periode des zusammen Lebens und Arbeitens beschäftigten sich die Künstler*Innen zwangsweise mit den Auswirkungen der politischen Situation.
Im Ergebnis wurde eine Reihe von Zeichnungen gedruckt und ausgestellt. Sie zeigen die Gruppe in möglichen Positionen von Zusammenkunft – Entwürfe für ein Fanzine. Im Ausstellungsraum wurden die Fenster verdichtet und so zu einer Projektionsfläche umgewandelt. Passanten konnten so nur flüchtige Impressionen von einem Film mit Menschen, die stillschweigend unlesbare Schriften in der Luft buchstabieren, wahrnehmen.
Im Nebel sein heißt, nicht richtig sehen können, aber eingenebelt=„vernebelt“ zu sein, heißt heutzutage auch, sich im Exil verstecken. Was dies bedeuten kann war der Gegenstand, der in dem engen Zusammenleben und -arbeiten untersucht wurde. Im November 2016 und Mai 2017 werden die Künstler*Innen wiederum zusammenkommen, um ihre künstlerische Forschungsarbeit fortzusetzen.

"WHO KNOWS WHERE WE ARE" im Projektraum "Apartment Project" von Aykan Safoglu, Borga Kantürk, Evrim Kavcar, Gökce Süvari, Gümüs Özdes, Merve Ünsal, Selda Asal, Sevgi Ortac. Apartment Project, Hertzbergstrasse 13, 12055 Berlin Neukölln. http://www.projectspacefestival-berlin.com/portfolio/apartment-project-event-de2016/Selda Asal, writing in the air, 2016, video projected onto window, duration: 7min.
Foto: André Wunstorf

Project Space Festival Tag 2: Tacho
Der Ausnahmezustand wurde anders behandelt bei Tacho, bei der missing icons (Andrea Knoblauch und Ute Vorkoerper) eine neu entworfene Fahne für Europa hissten, von einer scheinbar nostalgischen, in Moll umgesetzten und mit einem Xylophon gespielten Europa-Ode an die Freude-Interpretation Ludwig van Beethovens begleitet.
Etwas nostalgisch wirkte auch den Ort, ein Kinderverkehrsübungsplatz Mitten in Kreuzberg, den Tacho als Projektraum mit einer Reihe öffentlicher Interventionen bespielt. Alles am diesem Ort – sind im kleinen Maß und für Kinder gebaut: Straßenschildchen, Ampelchen und kleine Fahrräder. Am Tage der Performance Europa. Besuch im Gehege wirkten die Besucher*Innen, das Quartiermeisterbier, die Künstler*Innen und die Fahne selbst viel zu groß, zu ungeschickt und surreal für den an sich selbst unrealen Ort. Genau wie bei der uns imaginierten Vorstellung von Europa, weiß man auch hier nicht, ob die kreierte Inszenierung die Wirklichkeit prägt oder umgekehrt…

Europa. Besuch im GehegeKomposition aus VerkehrsŸbungsplatz, Bildobjekt und SoundProjekt von missing iconsDer VerkehrsŸbungsplatz Oase ist eine aus der Zeit gefallene, unwirkliche, in Teilen verkleinerte und um sich selbst kreisende Welt, die durch einen Zaun vom umgebenden Stadtraum abgetrennt ist. Die Oase wird durch die Aufstellung einer dekonstruierten Europafahne des KŸnstlerinneduo missing icons und dem Abspielen ihrer manipulierten, minimalisierten Version der Europa-Hymne zu einer begehbaren, surrealen Allegorie fŸr Europa.Europa. Besuch im GehegeDATUM2. August 2016UHRZEIT19:00ORTTACHO KreuzbergOase VerkehrsgartenAm Wassertorplatz 110999 Berlinmissing icons, Europa. Besuch im Gehege Komposition aus VerkehrsŸbungsplatz, Bildobjekt und Soundprojekt, 2016.
Foto: Joanna Kosowska

Project Space Festival Tag 3: insitu
Kann Meditation stattfinden, ohne dass man kritische oder politische Gedanken über das hier-und-jetzt loslässt? Oder genauer gesagt, wie verkörpert man Gedanken? Zwei performative Beiträge – eine von Deborah Ligorio geführte Meditation und eine Sound-Intervention von Franziska Lantz – begleiteten die Eröffnung von Soon Enough bei insitu am Mittwoch. Spuren von den Grenzen zwischen technologischen und organischen Wesen sowie Leben und Tod sind in der von Matilde Cerruti Quara und Sorana Serban kuratierten Ausstellung zu sehen. Read More

LOW VISIBILITY AND HIGH PRESENCE: Interview with Selda Asal

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Apartman Projesi or Apartment Project is a street-level space in the heart of Neukölln. It was also the first project space to open in Istanbul, initiated by Selda Asal in 1999. WHO KNOWS WHERE WE ARE is the name of its most recent collaborative project, in which artists Borga Kantürk, Evrim Kavcar, Gökce Süvari, Gümüs Özdes, Merve Ünsal and Sevgi Ortac lived together with Selda Asal for one turbulent month.
Selda Asal explains the background of Apartman Projesi and the process of the current project, titled Mist: low visibility and high presence, which will continue in two further phases of communal living in November 2016 and May 2017.

photo-c-berk-asal1-1-1024x439Merve Ünsal, Short, unpolished, and hard-to-classify lecture-performance, 2016. The lecture-performance is a part of a series of talks Merve does at exhibitions or sites of collaborations in which she tries to reconsider her position as an image-maker in the ever-changing world of representation and presentation. Photo: Berk Asal

PSF: How would you define the project space?
SA: A project space must be a platform that provides artists with a location where they can spend time, do research, experiment, and produce—especially collaborative projects.
Project spaces also need to be able to relate to the passers-by, appealing to people from different backgrounds and professions. Project spaces need to be able to interact with the public. It is possible to do exchange projects with other collectives, working on different production models. Project spaces need to take on things that other art institutions do not.
So this is how we function. The space is street level and we have four large windows. We are able to project films onto the windows, forcing the passers-by to somehow interact with the works. A lot of people from the neighborhood are quite hesitant to enter the space.
Apartman Projesi Berlin is different from Apartman Projesi Istanbul – the projects here are based more on communal living and producing together. It is important not to have an annual program and not to be fully institutionalized. Apartman Projesi does not have a weekly screening or openings on a certain day of the month.
The most defining aspects of Apartman Projesi are a process based on communal living and the fact that most of the projects question and analyze the nature of “today.”

PSF: Apartment Project started out in Istanbul. What was the reason for starting the space?
SA: In order to talk about why Apartman Projesi was initiated, it is important to know about the Istanbul of the 90s. It was a period in time when a lot of people worked with producers from different disciplines, leading to very fruitful discussions. Actors, musicians, writers, philosophers, and journalists were coming together and spending time together as a common, daily thing. Read More