Project Space Festival Tag 1: Apartment Project
Wie man als Gruppe von Künstler*Innen das Leiden eines zunehmend „vernebelten“ politischen Zeitalters kanalisiert, zeigen sieben türkische Künstler*Innen (Borga Kantürk, Evrim Kavcar, Gökce Süvari, Gümüs Özdes, Merve Ünsal, Sevgi Ortac und die Apartment Project-Organisatorin Selda Asal), die Brüchstücke ihrer gemeinsamen künstlerischen Praxis – nach einem Monat dichtem Zusammenlebens – in der Ausstellung WHO KNOWS WHERE WE ARE bei Apartment Project präsentieren. Während der Periode des zusammen Lebens und Arbeitens beschäftigten sich die Künstler*Innen zwangsweise mit den Auswirkungen der politischen Situation.
Im Ergebnis wurde eine Reihe von Zeichnungen gedruckt und ausgestellt. Sie zeigen die Gruppe in möglichen Positionen von Zusammenkunft – Entwürfe für ein Fanzine. Im Ausstellungsraum wurden die Fenster verdichtet und so zu einer Projektionsfläche umgewandelt. Passanten konnten so nur flüchtige Impressionen von einem Film mit Menschen, die stillschweigend unlesbare Schriften in der Luft buchstabieren, wahrnehmen.
Im Nebel sein heißt, nicht richtig sehen können, aber eingenebelt=„vernebelt“ zu sein, heißt heutzutage auch, sich im Exil verstecken. Was dies bedeuten kann war der Gegenstand, der in dem engen Zusammenleben und -arbeiten untersucht wurde. Im November 2016 und Mai 2017 werden die Künstler*Innen wiederum zusammenkommen, um ihre künstlerische Forschungsarbeit fortzusetzen.

"WHO KNOWS WHERE WE ARE" im Projektraum "Apartment Project" von Aykan Safoglu, Borga Kantürk, Evrim Kavcar, Gökce Süvari, Gümüs Özdes, Merve Ünsal, Selda Asal, Sevgi Ortac. Apartment Project, Hertzbergstrasse 13, 12055 Berlin Neukölln. http://www.projectspacefestival-berlin.com/portfolio/apartment-project-event-de2016/Selda Asal, writing in the air, 2016, video projected onto window, duration: 7min.
Foto: André Wunstorf

Project Space Festival Tag 2: Tacho
Der Ausnahmezustand wurde anders behandelt bei Tacho, bei der missing icons (Andrea Knoblauch und Ute Vorkoerper) eine neu entworfene Fahne für Europa hissten, von einer scheinbar nostalgischen, in Moll umgesetzten und mit einem Xylophon gespielten Europa-Ode an die Freude-Interpretation Ludwig van Beethovens begleitet.
Etwas nostalgisch wirkte auch den Ort, ein Kinderverkehrsübungsplatz Mitten in Kreuzberg, den Tacho als Projektraum mit einer Reihe öffentlicher Interventionen bespielt. Alles am diesem Ort – sind im kleinen Maß und für Kinder gebaut: Straßenschildchen, Ampelchen und kleine Fahrräder. Am Tage der Performance Europa. Besuch im Gehege wirkten die Besucher*Innen, das Quartiermeisterbier, die Künstler*Innen und die Fahne selbst viel zu groß, zu ungeschickt und surreal für den an sich selbst unrealen Ort. Genau wie bei der uns imaginierten Vorstellung von Europa, weiß man auch hier nicht, ob die kreierte Inszenierung die Wirklichkeit prägt oder umgekehrt…

Europa. Besuch im GehegeKomposition aus VerkehrsŸbungsplatz, Bildobjekt und SoundProjekt von missing iconsDer VerkehrsŸbungsplatz Oase ist eine aus der Zeit gefallene, unwirkliche, in Teilen verkleinerte und um sich selbst kreisende Welt, die durch einen Zaun vom umgebenden Stadtraum abgetrennt ist. Die Oase wird durch die Aufstellung einer dekonstruierten Europafahne des KŸnstlerinneduo missing icons und dem Abspielen ihrer manipulierten, minimalisierten Version der Europa-Hymne zu einer begehbaren, surrealen Allegorie fŸr Europa.Europa. Besuch im GehegeDATUM2. August 2016UHRZEIT19:00ORTTACHO KreuzbergOase VerkehrsgartenAm Wassertorplatz 110999 Berlinmissing icons, Europa. Besuch im Gehege Komposition aus VerkehrsŸbungsplatz, Bildobjekt und Soundprojekt, 2016.
Foto: Joanna Kosowska

Project Space Festival Tag 3: insitu
Kann Meditation stattfinden, ohne dass man kritische oder politische Gedanken über das hier-und-jetzt loslässt? Oder genauer gesagt, wie verkörpert man Gedanken? Zwei performative Beiträge – eine von Deborah Ligorio geführte Meditation und eine Sound-Intervention von Franziska Lantz – begleiteten die Eröffnung von Soon Enough bei insitu am Mittwoch. Spuren von den Grenzen zwischen technologischen und organischen Wesen sowie Leben und Tod sind in der von Matilde Cerruti Quara und Sorana Serban kuratierten Ausstellung zu sehen. Gesammelte Knochen aus dem Fluss Thames hängen wie eine schwerkraftlose Wolke von der Decke (Franzsiska Lantz, Bones organ composition Thames, 2016). Urwüchsigen Formen und Planktonorganismen wird – dargestellt über technologische Oberflächen – der Glanz einer möglichen künftigen Lebensform verliehen (Mara Ploscaru, Tatresi (2016) & The Fiery Serpents (2016). Priscilla Teas unbetitelte, auf einem Tablet gezeigte Video-Arbeit setzt sich mit der Verschmelzung digitaler und realer Landschaften auseinander, während eine Reihe von auf Aluminium gedruckten Visualisierungen zum Index des Computervirus und cyberweapon Stuxnet werden (James Hoff, Skywiper No. 16, 2014). Krieg wird zu einer Form des Korporate-chique in den von professionellen Modellen getragenen Outfits von Nicolò Russian: die Modellen vermischen sich wiederum mit dem üblichen Kunst-Eröffnungs-Publikum (Loyal Enemies, 2016). Ein Video des Künstlers hinterfragt die von den Medien aufrechterhaltene Behauptung der Trennung zwischen Alltag und aktueller Gewalt.
Am Ende des Abends performte Franziska Lantz, verkleidet als ein archaeologischer Knochen oder als ein Wesen aus der Zukunft, im Hof von atthebar einen künstlichen Trommel- und Maschinenwirbel – tiefkonzentriert und nicht ahnend, dass es überall begonnen hatte zu regnen.

Installationsansicht mit Bones organ composition (Thames), Franziska Lantz, 2016 und Loyal Enemies, Nicolo Russian, 2016 Installationsansicht mit Bones organ composition (Thames), Franziska Lantz, bones, string, wood, 2016 und Loyal Enemies, Performance und Herrenbekleidung, Nicolò Russian, 2016.
Foto: Joanna Kowsoska

Project Space Festival Tag 4: Bruch & Dallas
Der nachlassende, aber nicht aussetzende Regen begleitete am Folgetag auch die Aktion von Bruch & Dallas auf einem öffentlichen Gelände neben der geschlossen Neuen Nationalgalerie. Hier inmitten von Berlin, auf einem zu allen Seiten von prominenten Berliner Architektur eingefassten Schotterplatz, wurde maßstabsgetreu der Grundriss des Kölner Projektraums übertragen. Die sorgsam ausgemessene Ausstellungsraum wurde von Martin Plüddemann und Pascal Fendrich mit Schaufel und Besen fein säuberlich zu einer offenen grauen oktogonalen Fläche frei gekehrt. Die Maße zeigen die unter einer Betonabdeckung liegenden Ladenlokale der siebziger Jahre am Kölner Ebertplatz, in denen sich neben drei weiteren Projekträumen seit 2009 Bruch und Dallas befindet. Dass die für Geschäftsleute wenig attraktiven Räume durch künstlerische Arbeit wieder in das Bewusstsein der Stadt zurückgekehrten, ist der Arbeit von Projekträume zu verdanken. Der in unmittelbarer Nachbarschaft zur Neuen Nationalgalerie, Hans Sharouns Philharmonie oder den Türmen des Sony Center angelegten Grundriss eines solchen Raumes befindet sich nun seit Beginn des Project Space Festivals bis auf weiteres in Gesellschaft repräsentativer Architektur.

Bruch & Dallas, Layout, ortspezifische Intervention, 2016. Foto: Joanna Kosowska
Bruch & Dallas, Layout, ortspezifische Intervention, 2016.
Foto: Joanna Kosowska

Project Space Festival Tag 5: DISPLAY
Zwei Arbeiten von zwei Künstler*Innen-Duos, die sich mit Körpersprache und (Mis)kommunikationen auseinandersetzen waren bei DISPLAY in der Ausstellung INDEX am Freitagabend zu sehen. Neugierig schauten sowohl Ausstellungsbesucher als auch zufällige Passanten zu: denn schon vom Schaufenster des Projektraums aus ist die im Ausstellungsraum schräg und groß projizierte Videoarbeit Classified Digits zu sehen. Hier spielen Christine Sun Kim und Thomas Mader das uralte Spiel: die eine steht, die Hände auf dem Rücken verschränkt, während der andere von hinten die Handbewegungen der ersten ersetzt. Mit dieser merkwürdigen Konstellation spielen Kim und Mader humorvoll eine Reihe sozialer Situationen nach, bei denen Exklusion und Inklusion zum Thema wird. Dass die taube Künstlerin Christine Sun Kim sich seit Jahren mit dem Phänomen von Sound als „Soziales Kapital“ auseinandersetzt, spielt hier eine besondere Rolle, denn der Film läuft geräuschlos und erzeugt stattdessen seine Anziehungskraft emphatisch durch Körpersprache.
In der hinten gelegenen, warm beleuchteten Küche – schon voll gepackt mit Zuschauer*innen – fand man eine ebenso volle Badewanne, in der die Künstlerinnen Carrie McIlwain und Johanna Ackva zusammen nackt badeten und dabei eine angeregte Konversation über unterschiedliche Arten von Flüssigkeiten, insbesondere die aus Frauenkörpern und über die wissenschaftlichen und sozialen Schwellen/Grenzen, die verschiedene Körper, Körperteile und -flüssigkeiten voneinander trennen führten (Women and Watery Men, 2015-16). Die Badewanne ist ein Ort, wo man gerne Zeit vergeudet: so schaffen die Künstlerinnen mittels einer Servierplatte auf der sich zwischen ihnen Brot, Käse und Obst türmen, einen Eindruck von Großzügigkeit und Exzess. Wie dieser Zustand heutzutage aufrecht erhalten werden kann, wurde anschließend in einer Weiterentwicklung der Performance im Galerieraum vor dem Fenster zur Straße untersucht: eine Künstlerin am Mikrofon, stellte mit Gitarre und Trommel Fragen, während die andere durch ein – wiederum in Sound transformiertes und durch Körperbewegungen aufgezeichnetes– Alphabet-System antwortete. So wurden durch Sound und Bewegung Körper und Sprache von ihrer traditionellen Trennung emanzipiert und miteinander verschmolzen. Denn klar ist, dass Kommunikation erst durch (mindestens) zwei Körper entsteht.

Christine Sun Kim & Thomas Mader, Classified Digits (2016), 5"28', Foto: André Wunstorf Christine Sun Kim & Thomas Mader, Classified Digits (2016), looped video, 5 min 28 seconds.
Foto: André Wunstorf

Carrie McIlwain & Joanna Ackva, Women and Watery Men (2015-16), performance. Foto: André Wunstorf Carrie McIlwain & Joanna Ackva, Women and Watery Men (2015-16), performance.
Foto: André Wunstorf

Project Space Festival Tag 6: Kreuzberg Pavillon
Am Samstag Abend war im Kreuzberg Pavillon die kürzeste Veranstaltung des Project Space Festivals angekündigt worden. Alle Teilnehmer der gezeigten Ausstellung The Maximum Speed of a Non-Profit Space, ob Künstler oder Besucher wurden bereits im Vorfeld auf die radikal verkürzte Öffnungszeit des Raums von nur fünf Minuten eingeschworen. Dem Aufruf, sich innerhalb eines gegebenen Zeitraums von ebenfalls 5 Minuten in der Vorwoche zu bewerben, sind sieben Künstler*Innen Wes Gilpin, Stephan Groß, Petra Klabunde, Birgit Maaß, Immanuel Rohringer, Micki Tschur und Reggie Voigtländer gefolgt. Zu sehen war aufgrund der zahlreichen Besucher, die sich bereits eine Stunde vor Eröffnung vor dem Kreuzberg Pavillon versammelten, und sich Punkt Acht Uhr in den abgedunkelten Raum zwängten, insgesamt wenig. Der mit Besucher*Innen angefüllte Ausstellungsraum ließ kaum Sicht oder nur bruchstückartig etwas von den gezeigten Arbeiten erkennen, welches durchaus in der Absicht der Veranstaltung lag und von den Künstler*Innen berücksichtigt wurde. Mit der, wie einen zweiten Türvorhang installierten Arbeit Inbetween von Birgit Maaß mit Haaren aus Echthaarperücken ehemaliger Winnetou-Darsteller kam man, wenn man den Raum betreten wollte unausweichlich in Berührung. In der Mitte des Raumes befand sich die durch grobkörnigen Sand, gestoppte Zeit einer improvisierten Sanduhr aus Plastikflaschen von Immanuel Rohringer, die an die kaum erfassbare Arbeitszeiten von Pfandflaschensammlern in der Umgebung erinnerte. Stephan Groß entwarf das fiktive Logo, eines an Universitäten am häufigsten eingesetzten sogenannten Systems vorbestimmter Zeiten MTM, während die Malerei einer Uhr, mit der Zeigerstellung Vier Minuten nach Acht – von Micki Tschur die naturalistische Ebene des Bildes ironisch überhöhte und die Besucher*Innen daran erinnerte, dass sich der Moment der Betrachtung gleich wieder auflösen wird. Um die Komplexität einer einzelnen Armbewegung, ging es in Reggie Voigtländers Performance Move, während Petra Klabunde den Versuch unternahm innerhalb der knappen Ausstellungsdauer eine direkte Verbindung aufzunehmen, indem sie einzelne Besucher in mitten der Umstehenden, anbot zu ihr in die Hocke zu gehen. Der Platz der Besucher wurde dabei ebenso Teil des Geschehens, wie die Suche nach den einzelnen Ausstellungsobjekten. Die Besucherin, die mich am Ende der Ausstellung auf der Straße ansprach, welche Arbeit denn von Wes Gilpin sein, hielt diese bereits, ohne es zu vorher bemerkt zu haben in den Händen: Ein scheinbar, wie aus einer Hosentasche auf dem Boden gefallener Zettel.

project space festival @ kreuzbergpavillon, The Maximum Speed of a Non Profit Space. Foto: André Wunstorf Für das diesjährige Project Space Festival, werden sich alle Teilnehmer damit einverstanden erklären, dass der Kreuzberg Pavillon als Ort der Ausstellung nur exakt fünf Minuten geöffnet sein wird. Mit der Reduzierung der Öffnungszeiten wird sich sowohl die Wahrnehmung, wie auch die Erwartungshaltung gegenüber dem Ausstellungsraum drastisch verändern. Durch die geplante Schließung des Ortes kurz nach seiner Eröffnung, möchten wir neugierig fragen : Wie werden sich die Beteiligten auf die Situation vorbereiten, die nur flüchtig wahrnehmbar sein wird? Welche räumliche Dynamik bildet sich im Zusammenhang mit diesem Experiment? The Maximum Speed of a Non Profit Space, Installationsansicht einer Arbeit von Immanuel Rohringer.
Foto: André Wunstorf

Project Space Festival Tag 7: Labor Neuznehn
Vom schwedischen Künstler und Schlagzeuger Sven Åke Johansson, der seit dreißig Jahren in Berlin lebt, erfuhr ich einmal, während einer Autofahrt durch Treptow daß die Kiefholzstraße, die längste Straße Berlins sei. Dies sei, so fuhr er weiter fort, den meisten Berlinern deshalb nicht bewußt, weil sich im Verlauf der Straße keine repräsentativen Gebäude sondern höchstens einige Schrottplätze befänden. Man könnte meinen dass ein derart unprätenziöser Straßenverlauf, genau das richtige Ambiente für experimentelle Klangkunst zu sein scheint. Und richtig: Direkt hinter dem Görlitzer Park, dort wo bei der Überquerung des ehemaligen Grenzkanals, Kreuzberg zu Treptow wird, befindet sich mit der Lohmühle, ein friedlicher, grüner Wagenplatz, auf dem die Bewohner jährlich ihr eigenes Jazzfestival ausrichten. Im vorderen Treptow, so erfuhr ich weiter haben sich bereits zu DDR Zeiten einige Jazzkeller und Orte für Klangexperimente befunden. Diese Orte sind und waren allerdings nicht immer leicht zu erreichen. Wie ein Falltor erscheint einem daher auch das automatische Gitter in der Einfahrt des Atelierhofs in dem sich Labor Neunzehn befindet. Wer sich hier am siebten Tag des Project Space Festivals auf den Weg in die vierte Etage eines ehemaligen DDR Gebäudes gemacht hatte, begegnete Valentina Besegher und Alessandro Massobrio die am heutigen Abend für den ersten Teil ihrer fortlaufenden Konzertreihe Cluster die Cellistin und Komponistin Nora Krahl, sowie das Duo Annette Krebs und Axel Doerner in ihr Labor Neunzehn eingeladen haben. Nora Krahl spielte fünf kurze Kompositionen, davon vier eigene, die mit der Präparierung ihres Instruments durch Klebebändern, Papierstücken und Folien eingeleitet wurden. Die folgende elektroakustische Session verschaltete die, wie auf einem klanglichen Seziertisch liegende E-Gitarre von Annette Krebs mit dem elektronisch direkt modulierbaren Blasinstrument von Axel Doerner.

Event "Cluster #1" im Rahmen des Project Space Festival im Labor Neunzehn. Foto: André Wunstorf Cluster #1, Labor Neunzehn.
Foto: André Wunstorf

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